Neon-Opal: Das Fleisch der Nacht

Erstellt mit Tintenkiller

Kapitel 1

Der Gestank von flüssigem Quecksilber, verbranntem Fett und billigem Moschus war Viktors Elixier. In sechzehn Metern Höhe, auf einem verrosteten Montagekorb schwebend, der bei jedem Windstoß über der Hamburger Meile ächzte, fühlte er sich heimischer als in jedem Zimmer mit vier festen Wänden. Viktor war ein Neonbieger – einer der letzten Meister einer aussterbenden Gilde. Seine Hände, schwielig, vernarbt und stellenweise taub von jahrzehntelanger Hitzeeinwirkung, führten den Gasbrenner mit der Präzision eines Chirurgen. Er bog die glühenden Glasröhren, füllte sie mit Argon oder Neon und schenkte dem Sumpf der Nacht sein dreckiges, verlockendes Licht. Unten auf dem feuchten Kopfsteinpflaster drängten sich die Verlorenen: Männer im Rausch, Frauen auf Stelzenabsätzen mit knappsten Lackkleidern, Koberer mit heiseren Stimmen. Doch Viktors Blick galt nie dem Boden. Seine Arbeitsplätze waren die Fassaden der Peepshows, Laufhäuser und Stundenhotels. Wer so hoch oben arbeitete, blickte durch die schlecht zugezogenen Samtvorhänge direkt in die Herzkammern des Reviers. Er hatte alles gesehen: Koks auf Nacktmund, Politiker auf allen vieren, Weinen ohne Tränen und die kalte Scheine-Zählerei nach dem Akt. Heute Nacht brannte das Schild des „Paradies“-Tanzlokals durch. Ein grelles, böses Flimmern. Während Viktor die Elektroden säuberte, sah er durch die Scheibe des obersten Stockwerks. Ein Raum, angestrahlt von blutrotem Licht. Eine Frau stand dort, den Rücken zu ihm gedreht, eingez Zwängt in eine maßgeschneiderte Corsage aus mattschwarzem Leder. Sie hielt ein Glas Bourbon, bewegte sich nicht, während vor ihr zwei Männer in scharfen Anzügen gestikulierten. Viktor wusste, wer sie war: Roxana. Die unkrönte Königin des exklusiven Fetisch-Etablissements „L’Éclipse“. Eine Frau, deren Verstand so scharf war wie die Stilettos, auf denen sie das Viertel beherrschte. Sie war keine der billigen Nutten von der Ecke; sie war die Raubkatze, die das Gehege kontrollierte. Plötzlich drehte sich Roxana um. Ihr Blick durchstieß das Glas, durchstieß den Nebel und traf Viktor direkt auf seinem wackligen Gerüst. Sie wich nicht zurück. Sie zog an ihrer Nelkenzigarette, blies den Rauch gegen die Scheibe und machte eine lange, deutliche Handbewegung: *Komm runter.* Viktor schaltete den Brenner aus. Das Metall knisterte im abkühlenden Wind. Er spürte ein seltenes, elektrisches Ziehen in der Brust. In diesem Kiez gab es keine zufälligen Einladungen. Wenn Roxana jemanden zu sich rief, ging es entweder um ein Vermögen oder um eine Kugel im Hinterkopf. Er lockerte den Sicherheitsgurt und stieg die rostigen Sprossen hinab, hinein in das mauloffene Maul der Nacht.Kapitel 1

Kapitel 2

Das Hinterzimmer des „L’Éclipse“ roch nach teurem Leder, verbranntem Holz und dem schweren, süßlichen Parfüm von Macht. Roxana saß auf einem tiefen, bordeauxroten Samtsofa. Ihr dunkles Haar war strängig im Nacken hochgesteckt, ein paar Strähnen fielen in ihr makelloses, streng geschminktes Gesicht. Ihre Augen waren von einem eisigen Grau, das im Zwielicht der Neonröhren fast weiß wirkte. Sie trug ein enges, tief dekolletiertes Lackkleid, das jede Kurve ihres Körpers wie eine Waffe betonte. Es war schamlos, billig und zugleich unbezahlbar elegant. „Viktor“, sagte sie. Ihre Stimme war ein rauhes Schnurren, geschult an tausend späten Nächten. „Der einzige Mann im Kiez, der die Klappe hält, weil er den Mund voller Glasbläserpfeifen hat.“ „Roxana“, antwortete er und blieb an der Tür stehen. Seine Arbeitskleidung roch nach Ruß und Straße. Er wirkte deplatziert zwischen den Kristallgläsern und Peitschen an den Wänden, doch er zeigte keine Scheu. „Deine Fassade brennt ab. Das N im 'Éclipse' zieht zu viel Strom.“ „Scheiß auf das N“, sagte sie, stand langsam auf und trat an ihn heran. Die Stilettos klackten scharf auf dem Parkett. Sie blieb knapp vor ihm stehen, so nah, dass er die Wärme ihres Körpers und den würzigen Duft ihrer Haut spüren konnte. Sie griff ohne Zögern an den Kragen seiner Jacke, zog ihn ein Stück zu sich herab. Es war eine Geste voller dominanter Erotik, völlig ungeniert. „Ich brauche nicht deine Reparaturküste. Ich brauche deine Unsichtbarkeit.“ Sie schenkte zwei Gläser schweren Rye ein und reichte ihm eines. „Die Schattenwirtschaft hier drinnen verändert sich, Viktor. Ein Oktopus aus dem Osten hat seine Fangarme ausgestreckt. Sie nutzen das Viertel nicht mehr nur für Fleisch und Puder. Sie schleusen Frauen durch, Mädchen, ohne Namen, ohne Pass. Sie nutzen meine VIP-Lounges für ihre Drecksgeschäfte, weil sie denken, ich bin blind.“ Sie trat hinter ihn, streifte mit ihren langen, rot lackierten Fingernägeln langsam seinen Nacken entlang. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. „Du wirst für mich arbeiten. Ich will, dass du in die Neonröhren meiner VIP-Räume kleine, hochempfindliche Licht-Transmitter einbaust. Miniatur-Linsen, versteckt im Glas, gespeist von der Hochspannung. Ich will jedes Gesicht, jeden Schein, jedes Video abfangen, das in diesen Räumen gedreht wird. Ich will sie erpressen, bevor sie mich vernichten.“ Viktor nahm einen Schluck des brennenden Schnapses. „Das ist Selbstmord, Roxana. Wenn die Syndikate mitkriegen, dass die Leuchtreklame spioniert, häuten sie uns beide lebendig.“ Roxana lächelte – ein kaltes, raubtierhaftes Lächeln. Sie trat wieder vor ihn, fasste ihm unvermittelt ins Schritt und sah ihm dabei unblinzelnd in die Augen. „Dann lass uns sorgen, dass wir vorher verdammt viel Spaß am Leben hatten, Viktor. Bist du dabei oder bist du nur ein alter Mann mit kalter Puste?“Kapitel 2

Kapitel 3

Die folgenden drei Nächte verbrachte Viktor in seiner Werkstatt und auf den Dächern. Die Arbeit war feingliedrig und hochgefährlich. Die Transmitter waren winzige optische Dioden, nicht größer als ein Reiskorn. Er musste die Glasröhren mit dem Gasbrenner vorsichtig öffnen, die Dioden im Vakuum verankern, ohne dass das Quecksilbergas entwich oder die Röhre beim Wiederverschmelzen zersprang. Ein einziger falscher Atemzug, und die Rohre implodierten in seinen Händen. Nachts kletterte er wie ein Geist über die verwinkelten Dächer der Reeperbahn. Er installierte die präparierten Röhren direkt über den Panoramafenstern der exklusiven Etablissements. Von seiner Position auf den Simsen aus war er ein stummer Zeuge der verkommensten Abgründe. Durch die mattroten Fensterscheiben des „Kaiserpalasts“ sah er, wie korrupte Dezernatsleiter auf Ledersesseln lagen, während unbekleidete, völlig betäubte junge Frauen wie Puppen um sie herum arrangiert wurden. Viktor spürte eine grässliche Wut in den Fäusten brennen. Es war nicht mehr nur Roxanas Auftrag; es war der Gestank einer systematischen Sklaverei, der ihn antrieb. Diese Stadt war ein Kadaver, gefüttert von der Schattenwirtschaft, und die bunten Lichter waren nur die Maden, die auf ihm krochen. Während er das Hochspannungskabel einer fünftausend Volt starken Neontransformatoreinheit anbrachte, fiel sein Blick auf das Dach des gegenüberliegenden Großbordells „Eros-Center“. Dort stand kein Schild, nur eine massive, alte Röhrenkonstruktion, die seit Jahren tot schien. Doch plötzlich begann sie zu arbeiten. Es war kein normales Leuchten. Es war ein hochfrequentes, stotterndes Pulsieren. Ein Rhythmus, den ein laienhaftes Auge für einen defekten Starter gehalten hätte. Doch Viktor kannte das Glas. Er kannte die Trägheit des Gases. Dieses Flimmern war kein Zufall. Es war eine exakte, mechanische Schaltung. Jemand steuerte die Spannung im Millisekundenbereich. Viktor holte seine Spezialbrille mit Polarisationsfiltern aus der Werkzeugtasche, die er normalerweise zum Prüfen von Gasspannungen nutzte. Als er durch die dunklen Gläser auf die flackernde Röhre blickte, fror das Blut in seinen Adern zu Eis. Das war kein Defekt. Das war ein optischer Code.Kapitel 3

Kapitel 4

In seiner kleinen, von Ruß geschwärzten Werkstatt im Hinterhof der Talstraße saß Viktor vor einem Oszilloskop, das er an den Lichtsensor seiner Kamera angeschlossen hatte. Das Signal des „Eros-Centers“, das er aufgenomment hatte, übersetzte sich auf dem grünen Röhrenbildschirm in spitze, zackige Ausschläge. Es war eine Lichtfrequenz, die weit über der Wahrnehmungsgrenze des menschlichen Auges lag – etwa zweihundert Hertz. Für den zufälligen Passanten wirkte das Schild einfach wie ein gewöhnlich leuchtender, leicht summender Neonschriftzug. Doch für ein entsprechend kalibriertes Empfangsgerät war es ein digitaler Datenstrom. „Verdammt“, flüsterte Viktor in die Stille der Werkstatt. Das gesamte Leuchtreklamen-Netzwerk des Kiez war zusammengeschaltet. Von Peepshow zu Peepshow, von Bordell zu Bordell sprangen die Signale über optische Sensoren weiter. Es war ein autarkes, unknackbar digitales Schattennetz. Keine Kabel, kein Internet, keine Funkwellen, die die Polizei abhören konnte. Die Daten flossen buchstäblich auf den Lichtwellen des Rotlichts durch die Stadt. Er dekodierte die ersten Zeilen des Datensatzes. Es waren keine Erpressungsvideos. Es waren Kataloge. Live-Auktionen. Namen, Blutgruppen, Altersangaben, Gebote in Kryptowährung. Bilder von Containerankünften im Hamburger Hafen. Die Frauen wurden nicht nur in den Etablissements ausgebeutet – sie wurden wie Frachtstücke in Echtzeit über die Fassaden der Stadt hinweg an den Höchstbietenden versteigert, während unten die betrunkenen Touristen ihr Bier tranken und auf die bunte Deko glotzten. Plötzlich flog die Holztür der Werkstatt auf. Viktor fuhr herum, griff nach seinem schweren Montageschlüssel. Doch im Türrahmen stand Roxana. Sie war allein, ihr Atem ging schnell, ihre Wangen waren hochrot. Sie trug einen schrecklich teuren Pelzmantel über einem seidenen, tief ausgeschnittenen Negligé. Sie wirkte nicht mehr wie die unnahbare Herrscherin. Sie wirkte wie ein Tier auf der Flucht. „Sie wissen es“, stieß sie hervor und schlug die Tür hinter sich zu. Sie verriegelte den hölzernen Riegel. „Sie haben einen meiner Schließer tot im Keller gefunden. Viktor, sie räumen auf. Wir müssen die Daten aktivieren, jetzt!“ „Das System ist größer, als du denkst, Roxana“, sagte Viktor und zeigte auf den zuckenden grünen Monitor. „Es geht nicht um Erpressung. Das ganze Viertel ist ein einziges Auktionshaus. Deine eigenen Schilder senden die Gebote.“Kapitel 4

Kapitel 5

Das Licht im Hinterzimmer der Werkstatt war nur das milde, azurblaue Glühen einer unfertigen Neonröhre auf der Werkbank. Der Geruch von Angst, Schweiß und benzinartigem Lösungsmittel lag schwer in der Luft. Roxana trat an den Tisch, sah auf die ausgedruckten Frequenzprotokolle. Ihr eiskaltes Visier zerbrach für einen Moment, wich einer rasenden, verzweifelten Wut. „Diese Drecksäue“, zischte sie. „Sie benutzen meine Fassade für ihren Viehhandel.“ Sie drehte sich zu Viktor. Die Todesangst wandelte sich in eine plötzliche, rohe Entladungsenergie. Sie packte ihn am Nacken, zog seinen Kopf gewaltsam herunter und presste ihre Lippen auf seine. Es war kein zärtlicher Kuss; es war ein gieriges, fast gewalttätiges Verlangen nach Leben angesichts des drohenden Untergangs. Ihre Zunge schmeckte nach starkem Gin und Menthol. Viktor stöhnte auf, packte sie an der Hüfte und hob sie mühelos auf die schwere Holzwerkbank. Gläserne Werkzeuge schepperten zu Boden. Roxana riss ihren Pelzmantel auf, schob den seidenen Stoff ihres Kleides hoch. Ihre Haut war heiß, feucht von Schweiß. „Nimm mich, Viktor“, keuchte sie an seinem Ohr, während ihre Nägel sich tief in seine Schultern gruben. „Jetzt. Lass mich spüren, dass wir noch nicht tot sind.“ Es war eine exzessive, schamlose Vereinigung mitten im Müll der Werkstatt. Keine Romantik, nur getriebenes Fleisch, das Treiben von zwei Raubtieren in der Falle. Viktor stieß hart in sie hinein, während das azurblaue Licht ihre nackten, verschwitzten Körper in ein unwirkliches, gläsernes Blau tauchte. Jeder Stoß ließ den Holztisch ächzen, das Metall der Brenner klirren. Roxana warf den Kopf zurück, stöhnte laut und Hemmungslos in die Stille der Nacht, dreckige Worte flüsternd, die im Raum verhallten wie ein Fluch. Als der Rausch nachließ und sie erschöpft, nackt auf den Plänen liegend nach Atem rangen, war die Luft zwischen ihnen verändert. Die Distanz war verbrannt. „Wir können sie nicht einfach anzeigen“, sagte Viktor, während er sich das Hemd wieder zuknöpfte und seine Hände noch immer leicht zitterten. „Die Polizei hängt mit drin. Die Schattenwirtschaft hat das Polizeipräsidium längst gekauft.“ Roxana setzte sich auf, strich sich das verstrubbelte Haar aus dem Gesicht und zog an ihrer Zigarette, die Brust noch unbedeckt, stolz und ungeniert. „Was schlägst du vor, Neonbieger?“ „Wir überlasten das Netz“, sagte Viktor mit kühler Präzision. „Wir speisen eine Hochspannungs-Schleife in ihre Hauptfrequenz. Wir schmorten nicht nur ihre Receiver durch – wir schicken einen Impuls, der die verdeckten Empfänger im ganzen Viertel explodieren lässt und die Daten live auf die Hauptleinwand des Hans-Albers-Platzes spiegelt.“Kapitel 5

Kapitel 6

Um Punkt drei Uhr morgens, als die Aktivität der Schattenwirtschaft ihren Höhepunkt erreichte, schlichen Viktor und Roxana auf das Dach des „Eros-Centers“. Der Regen war stärker geworden und peitschte wie Nadeln über die Teerpappe. Der Lärm der Straße unten – Bässe, Schreie, Polizeisirenen – ging im Prasseln des Wassers unter. Sie standen vor dem Hauptverteilerkasten des Lichtnetzes. Eine massive Grauguss-Kiste, gesichert mit schwerem Stahlschloss. Viktor zog seinen Bolzenschneider. Mit einem trockenen *Knack* barst der Bügel. Im Inneren des Kastens bot sich ein komplexes Bild: Neben den alten Relais der Leuchtreklame waren hochmoderne, schwarze Glasfasermodule verbaut. Das war das Gehirn der Auktionen. Auf einem kleinen Kontrollmonitor lief eine Liste von Videostreams in Echtzeit. Viktor sah hin. Es war grauenhaft. In einem Frachtcontainer im Hafen saßen Dutzende junger Frauen, gezeichnet von Erschöpfung und Angst, während eine Nummer über ihren Köpfen eingeblendet war. Die Bietzeitskala lief rückwärts: Noch vier Minuten. „Diese Bestien“, flüsterte Roxana. Sie zog eine kleine, schwarze Automatikpistole aus der Tasche ihres Mantels. „Lass mich den Kasten einfach zusammenschießen.“ „Nein!“, packte Viktor ihr Handgelenk. „Wenn du ihn zerstörst, stoppst du nur diese eine Auktion und sie tauchen unter. Wir müssen das Signal umleiten!“ Er holte einen von ihm präparierten Hochfrequenz-Umwandler aus seinem Rucksack. Ein Gebilde aus gekoppelten Neontransformatoren und einer handgebogenen, mit Quecksilber gefüllten Glasschleife. Seine Hände arbeiteten trotz der eiskalten Nässe sicher. Er überbrückte die Hauptleitung, schaltete die Sicherungen um. Die Spannung stieg von 230 Volt auf schwindelerregende 10.000 Volt Hochspannung. Plötzlich knirschte die eiserne Tür zum Dachaufbau. Drei Männer traten in den Regen. Keine kleinen Koberer, sondern durchtrainierte Schläger in schweren Ledermänteln, die Hände in den Taschen. In der Mitte stand ein älterer Mann mit schütterem Haar und einem maßgeschneiderten Mantel – Igor, der Kopf des Syndikats. „Roxana“, sagte Igor mit ruhiger, rauer Stimme. „Ich hatte gehofft, du wärst klüger. Und du hast deinen Glasbläser mitgebracht. Wie romantisch. Und wie dumm.“Kapitel 6

Kapitel 7

„Halt die Klappe, Igor“, sagte Roxana und richtete die Pistole auf seine Brust. Ihre Hand lag ruhig in der Luft, keine Spur von Zittern mehr. „Dein kleiner Viehmarkt ist zu Ende.“ Igor lachte kalt. „Glaubst du wirklich, diese eine Waffe rettet euch? Das ganze Viertel gehört uns. Der Polizeipräsident bekommt zehn Prozent jeder Auktion. Ihr seid Fliegen auf der Scheibe.“ Er machte eine Handbewegung. Seine zwei Schläger traten vor, zogen schwere schallgedämpfte Pistolen. In diesem Sekundenbruchteil handelte Viktor. Er wartete nicht, bis Schüsse fielen. Er griff nach dem frei schwebenden, unisolierten Hochspannungskabel seines Umwandlers – geschützt nur durch seine dicken, spezialisolierten Glasbläserhandschuhe – und riss es ab. Er schlug das kabel mit zehntausend Volt direkt gegen die nasse Eisenkonstruktion des Dachaufbaus, auf der Igors Männer standen. Ein gigantischer, bläulicher Lichtbogen schoss durch die Nacht. Ein Ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einem Regen aus kaskadierenden Funken. Das Wasser auf dem Dach leitete den Strom blitzschnell. Die beiden Schläger wurden von dem gewaltigen Schlag getroffen, schrien auf und brachen zuckend auf der nassen Teerpappe zusammen. Igor wich entsetzt zurück, verlor das Gleichgewicht und stürzte rückwärts gegen das Geländer. Viktor nutzte die Verwirrung, ramme den Hauptstecker seines Frequenz-Converters direkt in das Glasfasermodul. „Roxana, jetzt! Schalte den Hauptschalter!“ schrie er gegen das Dröhnen der Elektrizität an. Roxana sprang vor, trat dem am Boden liegenden Igor voll mit ihrem Stiletto-Absatz ins Gesicht, sodass er stöhnend liegen blieb, und riss den großen roten Hebel an der Wand herunter. Die Wirkung war verheerend. Eine massive Überspannung schoss durch die gesamte *Lichtfrequenz* des Viertels. Überall um sie herum, entlang der Reeperbahn, der Großen Freiheit, der Talstraße, begannen die hunderte Meter langen Neonschilder wild zu kreischen und zu flackern. Das violette, rote und grüne Licht steigerte sich zu einer blendenden, fast weißen Intensität. Die Glasröhren hielten dem gewaltigen Druck nicht stand. Eine nach der anderen explodierten die Neonschilder des Kiez in einer Kettenreaktion aus Knallen, Funkensprühen und berstendem Glas.Kapitel 7

Kapitel 8

Der Kiez war dunkel geworden. Das vertraute, bunte Dauerleuchten, das die Sünde der Stadt seit Jahrzehnten kaschiert hatte, war erloschen. Nur noch das Notlicht der Straßenlaternen und der Rauch von hunderten geplatzten Neonröhren lag über den Strassen. Es roch penetrant nach Ozon, verbranntem Plastik und Phosphor. Doch die Überlastung hatte ihr Ziel erreicht. Der Frequenz-Impuls hatte nicht nur die Schilder zerstört, sondern die abgefangenen Videostreams der Auktionen über die Notfall-Frequenzen direkt auf die riesigen LED-Werbewände der Großdiscotheken und des Spielbudenplatzes gezwungen, die an einem eigenen Stromnetz hingen. Überall auf der Meile blieben die Menschen stehen. Tausende von Feiernden, Touristen und Freiern starrten sprachlos auf die riesigen Bildschirme. Dort liefen nun in Dauerschleife die Aufnahmen der gefangenen Frauen, die Gesichter der Käufer, die Namen der korrupten Polizisten und die Kontoverbindungen des Syndikats. Das Schweigen, das sich über die sonst so laute Straße legte, war lähmend. Dann ertönten die ersten echten, unüberhörbaren Sirenen der Bundespolizei, die aus dem Umland anrückten. Auf dem Dach des „Eros-Centers“ saßen Viktor und Roxana nebeneinander an der Brüstung. Sie waren durchnässt, ihre Kleidung war rußgeschwärzt, ihre Körper schmerzten von der Anspannung. Igor und seine Männer lagen gefesselt im Schatten der Aufbauten. Roxana zündete sich eine letzte Nelkenzigarette an. Das kleine Feuer ihres Feuerzeugs war das einzige warme Licht in der düsteren Höhe. Sie nahm einen tiefen Zug und reichte sie Viktor. „Es ist vorbei“, sagte sie leise. „Das Viertel wird morgen nicht mehr dasselbe sein.“ „Das Viertel wird sich neu erfinden“, erwiderte Viktor und blies den Rauch in den kalten Morgenwind, der vom Hafen heraufzog. „Es überlebt immer. Nur die Vorzeichen ändern sich.“ Sie sah ihn an. Das kühle Kalkül war aus ihren Augen verschwunden. Zum ersten Mal sah er eine müde, aber freie Frau. Sie lehnte ihren Kopf an seine durchnässte Schulter. „Und was macht der beste Neonbieger der Stadt, wenn es keine Schilder mehr zu reparieren gibt?“ Viktor lächelte matt, nahm ihre kalte Hand und drückte sie fest. Seine Fingertips waren taub, aber er spürte den Herzschlag in ihren Adern. „Ich werde neues Glas biegen müssen, Roxana. Aber diesmal bestimmen wir, welches Licht darin brennt.“ Am Horizont über der Elbe schob sich das erste, graue Morgenlicht durch die Wolken, während unten im dunklen Kiez die Sirenen der Gerechtigkeit das alte System endgültig zerschlugen.Kapitel 8

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