HELIUMBLUT – DIE TIEFEN DES VERRATS
Erstellt mit Tintenkiller
Kapitel 1
Der Gestank im Wohncontainer auf dem Spezialschiff *Neptune Sentinel* war eine Mischung aus ungewaschener Haut, Metallfett und künstlicher Luft. Seit zwanzig Tagen lebte Marek in diesem stählernen Sarg. Sättigungstauchen war kein Beruf, es war eine freiwillige Haftstrafe unter extremen physikalischen Bedingungen. In dreihundert Metern Tiefe existierte kein Tageslicht, nur die schwarze, unbarmherzige Nordsee, deren Wassermassen mit über dreißig Bar auf die Außenhaut drückten. Marek, Mitte dreißig, ein Mann mit messerscharfen Gesichtszügen, stechenden dunklen Augen und einem Körper, der von jahrelanger Knochenarbeit gezeichnet war, strich sich das verschwitzte Haar aus der Stirn.
Die Druckkammer war sein Zuhause und sein Gefängnis. Hier drinnen atmeten er und seine zwei Crewmitglieder ein Atemgasgemisch aus Helium und Sauerstoff. Das Helium verzerrte ihre Stimmen zu einem lächerlichen, hochfrequenten Quaken, doch die Bedrohung war bitterer Ernst. Wenn die Mischung nicht millimetergenau stimmte, drohte das Hirnödem oder der sofortige Erstickungstod. Die Wände der Druckkammer waren feucht von Kondenswasser. Marek trug nur eine abgewetzte, schwarze Shorts; die Hitze, die durch die ständige Kompression entstand, brannte auf der Haut wie ein billiges Solarium.
Draußen auf dem Deck zog ein Sturm auf. Man spürte die Schaukelbewegungen des Schiffes selbst hier drinnen, wo das Metall ächzte wie ein sterbendes Tier. Marek betrachtete die Instrumente an der dicken Panzerglasscheibe der Schleuse. Der Tauchgang stand bevor. Die Wartung der internationalen Daten- und Pipelinekabel auf dem Meeresgrund war offizielle Routine, aber Marek wusste seit Monaten, dass die Uhren hier anders tickten. Zu oft gab es unangemeldete Frachtabwürfe. Zu oft tauchten opake Kapseln im Scheinwerferlicht der Taucherglocke auf.
Marek zog die schwere Neoprenhaut seines Trockentauchanzugs über die breiten Schultern. Seine Gedanken wanderten ab. Er dachte an die Hafenbordelle von Rotterdam, an den synthetischen Parfümgestank von billigem Wodka, hautengem Kunstleder und feuchten Lippen, die nach Zigaretten schmeckten. Er vermisste nicht die Liebe; er vermisste das Gefühl, lebendig zu sein, den puren Rausch des Fleisches, der ihn daran erinnerte, dass er noch nicht als Wasserleiche auf dem Meeresgrund lag. In der Einsamkeit der Tiefe verformten sich die Triebkräfte eines Mannes. Sex wurde zu einer wahnhaften Fantasie aus Haut, Druck und Schmerz.
Er setzte das Helmsystem auf. Die Sauerstoffanzeige blinkte grün. Durch den Com-Kanal knackte die Stimme des Leitstands. Es war Zeit für den Abstieg. Die Taucherglocke koppelte mit einem metallischen Knallen von der Hauptkammer ab. Der Abgrund wartete.
Kapitel 2
Das Eiswasser der Nordsee schluckte das Licht der Taucherglocke blitzschnell. In dreihundert Metern Tiefe überwachte Marek die dicken, schwarzen Datenkabel, die wie gigantische Seeschlangen über den schlickigen Meeresboden verliefen. Es war eine lichtlose Wüste. Der Scheinwerfer seines Helms schnitt einen schmalen Korridor durch die Finsternis, in dem organische Schwebstoffe wie verstreute Asche tanzten.
Marek bewegte sich schwerfällig. Der Druck der Tiefsee lastete auf den Hydraulikgelenken seines Spezialanzugs. Da war sie: eine Ankerbohrung direkt an einer der Hauptverbindungsstrecken des europäischen Glasfasernetzes. Das war kein offizielles Bauteil der Telekommunikationsgesellschaft. Dies war das perfekte Versteck des organisierten Verbrechens – Tiefsee-Schmuggel in Perfektion. U-Boote oder verdeckte Drohnen montierten hochdruckfeste Titanbehälter an den Kabeln, unsichtbar für Sonar und Küstenwache.
Normalerweise berührten die Taucher diese illegalen Ladungen nicht. Sie bekamen ein zweites Gehalt auf Offshore-Konten überwiesen, um einfach wegzusehen. Doch dieses Mal war die Befestigung beschädigt. Der Behälter drohte, das Glasfaserkabel zu kappen. Marek musste die Kapsel sichern oder bergen. Er griff nach dem hydraulischen Greifer und löste die Arretierung des zylindrischen Titanbehälters.
Als er die Verschlussklappe über die bordeigene Kamera der Taucherglocke überprüfte, fiel die Isolierung ab. Was er im strahlenden Halogenlicht sah, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Neben gestapelten, mit Paraffin versiegelten Blöcken aus hochreinem Kokain lag etwas anderes. Es war ein transparenter, mit Fluorcarbon gefüllter Vakuumzylinder. Darin befand sich der konservierte, abgetrennte Kopf von Victor Vance – dem unumstrittenen Kartellboss des Antwerpener Hafens, der vor zwei Wochen spurlos verschwunden war.
Doch das war nicht alles. Um den Hals des Toten war ein rotes Satinband geschlungen, an dem ein hochverschlüsselter Speicherstick baumelte. Ein persönliches Trophäenstück. Und eingraviert in die Versiegelung des Zylinders war ein Symbol, das Marek nur zu gut kannte: das stilisierte Schlangenlogo von Elena.
Elena war die kühle, eiskalte Logistikerin, die von den Dockanlagen in Hamburg aus die gesamte Verbrecherarchitektur der Nordsee steuerte. Sie hatte den Kartellboss nicht nur liquidiert, sondern seinen Kopf als Garantie und Druckmittel in der Tiefe versenkt. Marek stand im absoluten Nichts, gehalten nur von seinem Nabelschlauch, und hielt das Todesurteil einer der gefährlichsten Frauen Europas in den mechanischen Greifern. In der Audioleitung knackte es. Über die Direktverbindung der Taucherglocke sprach nicht der Dispatcher. Es war eine Frauenstimme. Rau, elegant, mit einem Hauch von eisiger Verachtung. „Du solltest das nicht öffnen, Marek“, flüsterte Elena durch das Rauschen der Hunderte Meter langen Schiffsleitung.
Kapitel 3
Oben auf der *Neptune Sentinel* roch es nach schandhaftem Luxus und Schießpulver. Elena lehnte an der ledernen Kommandobrücke des Schiffes. Sie trug einen maßgeschneiderten, tief ausgeschnittenen schwarzen Ledermantel, eine dunkle Sonnenbrille trotz der Dämmerung und spitz zulaufende Stiefel, deren Absätze bei jedem Schritt wie Peitschenknalle auf den Stahlboden trafen. Unter dem Mantel zeichnete sich der Schnitt eines sündhaft teuren, fast nuttig wirkenden Korsetts ab – eine gezielte Mischung aus Gosse, Sex und absoluter Macht. Elena verkörperte die Ästhetik des Gangsteradels: vulgär, wunderschön und absolut tödlich.
In ihrer schlanken Hand hielt sie ein Glas Wodka. Neben ihr standen vier bewaffnete Söldner, harte Männer in taktischer Ausrüstung, die Gewehre mit Schalldämpfern im Anschlag. Sie hatte die reguläre Schiffsbesatzung längst bestochen oder eliminiert. Das Forschungsschiff war nun ihre private Festung mitten auf der tobenden Nordsee.
„Er hat es gesehen, Ma’am“, sagte der Einsatzleiter der Söldner, ein glatzköpfiger Hüne mit einer vernarbten Lippe. „Er hat den Behälter an Bord der Glocke geholt.“
Elena zog langsam an ihrer schmalen Nelkenzigarette und blies den bläulichen Rauch gegen die Windschutzscheibe, wo der Regen peitschte. Ein kaltes, fast arrogantes Lächeln verzog ihre roten Lippen. „Marek war schon immer zu neugierig. Ein attraktiver Mann, verschwendet an das Wasser.“ Sie erinnerte sich an eine Nacht vor zwei Jahren in einem verrauchten Club in St. Pauli. Sie hatte ihn in einer finsteren Gasse hinter dem Laden an die Backsteinwand gepresst, die Nägel in seinen Rücken geschlagen, während die Bässe durch das Pflaster dröhnten. Es war billig gewesen, dreckig, eine flüchtige Entladung von Gewalt und Lust. Und nun musste sie ihn wie ein lästiges Insekt zerquetschen.
„Sollen wir die Glocke abtrennen und absaufen lassen?“, fragte der Söldner brutal.
„Nein“, antwortete Elena und nippte an ihrem Wodka. „Wenn die Glocke implodeirt, zerstört der Druckunterschied das Speichermedium am Kopf des alten Mannes. Ich brauche die Verschlüsselung auf diesem Stick. Lassen Sie ihn hochkommen. Schließen Sie ihn in den Dekompressionsbereich ein. Verändern Sie die Telemetriedaten des Schiffes. Für die Küstenwache erleidet die *Neptune Sentinel* gerade einen Maschinenschaden im Sturm.“
Sie schritt langsam zur Kontrollkonsole hinüber, öffnete die Systemsteuerung und tippte einen Befehl ein. Der Dekompressionsprozess würde Tage dauern. Solange Marek in der Stahlsarg-Atmosphäre der Kammer gefangen war, konnte er nirgendwo hin. Wenn er versuchte, die Tür gewaltsam zu öffnen, würde die schlagartige Dekompression sein Blut augenblicklich zum Kochen bringen. Seine Lungen würden platzen wie überdehnte Luftballons. „Lassen wir ihn ein wenig schwitzen“, flüsterte sie. „In der Druckkammer stirbt man langsam.“
Kapitel 4
Das Rumpeln der Hydraulik signalisierte das Andocken der Glocke an die Hauptkammer. Marek und seine Crew stiegen zurück in die Enge des stählernen Wohncontainers. Doch noch bevor sie ihre schweren Helme ganz ablegen konnten, ertönte das mechanische Klacken der äußeren Sicherheitsbolzen.
Die massive Stahlluke war von außen verriegelt worden.
Der zweite Taucher, ein erfahrener Niederländer namens Jan, schlug mit den Fäusten gegen das winzige Panzerglas der Schleuse. „Hey! Was soll der Scheiß? Öffnet die Ladebucht!“ Doch hinter der Scheibe erschien nicht die gewohnte Fratze des Schiffsarztes, sondern das kühle, maskenhafte Gesicht von Elenas Hauptmann. Er hielt eine Maschinenpistole locker im Arm und tippte grinsend an seine Schläfe.
Marek riss Jan zurück. „Hör auf! Es ist zwecklos. Sie haben das Schiff übernommen.“
In der Kammer herrschte ein Überdruck von dreißig Bar. Marek wusste genau, was das bedeutete. Sie steckten mitten im tagelangen Dekompressionsprozess. Wenn sie jetzt die Schleuse öffneten oder das Gas fluchtartig entwich, lösten sich die im Gewebe gelösten Stickstoff- und Heliumgase schlagartig im Blutbahn-System auf. Das Ergebnis war die Taucherkrankheit in ihrer tödlichsten Form: Tödliche Embolien, zerrissene Arterien, ein qualvoller Tod in Minuten. Sie waren in einer perfekten, aus Stahl gegossenen Mausefalle gefangen.
Marek setzte sich auf den feuchten Metallboden. Sein Herz hämmerte wie ein Presslufthammer. Neben ihm lag die geborgene Titan-Kapsel, die er heimlich durch die Schleuse mitgezogen hatte. Die Luft im Container schmeckte plötzlich metallisch. Elena hatte das Gasgemisch verändert. Sie drehte langsam den Sauerstoffgehalt herunter, um sie schläfrig zu machen.
Marek schloss für einen Moment die Augen. Das Bild von Elena erschien vor ihm – diese Schlange mit dem Aussehen einer Göttin aus der Unterwelt. Er erinnerte sich an ihren Geruch: teures Parfüm gepaart mit dem beißenden Gestank von Pulverdampf. Er erinnerte sich, wie leichtfüßig sie zwischen Perversion und eiskalter Berechnung wechselte. Sie benutzte ihren Körper als Waffe und ihren Verstand als Seziermesser. Aber sie hatte einen Fehler gemacht: Sie hatte vergessen, dass Marek dieser Container besser kannte als jeder andere Mensch auf der Welt. Er kannte jede Rohrleitung, jedes Ventil, jeden Kabelbaum hinter den Wandverkleidungen.
„Sie wollen uns ersticken lassen oder erschießen, wenn der Druck fällt“, flüsterte Marek. Seine Stimme klang durch das Helium lächerlich hoch, doch seine Augen strahlten eine mörderische Entschlossenheit aus. „Wir werden ihnen diese Genugtuung nicht geben.“
Kapitel 5
Marek wartete, bis das monotone Brummen der Belüftung das Atmen seiner völlig verängstigten Crewüberlebenden überlagerte. Jan lag bereits halbbewusstlos auf der Pritschenbank – die Hypoxie, der Sauerstoffmangel, begann zu wirken. Elena spielte auf Zeit, aber Zeit war eine Variable, die man manipulieren konnte.
Marek kroch unter die untere Schlafkoje. Dort befand sich die Wartungsklappe für das manuelle Überdruck- und Bypasssystem der Druckkammer. Jede professionelle Kammer besaß mechanische Notsysteme, die nicht über die Brücke elektronisch gehackt werden konnten. Er zog sein Tauchermesser heraus und schraubte mit der Klinge die Abdeckung ab.
Dahinter offenbarte sich ein Gewirr aus Messingleitungen, Druckventilen und elektrischen Steuerkabeln. Marek wusste genau: Die Kammer war an das zentrale Gaslager im Bauchs des Schiffes angeschlossen, wo Hunderte Flaschen mit hochverdichtetem Trimix, Heliox und reinen Sauerstoffreserven lagerten.
Er nahm zwei Kabel der internen Beleuchtung, isolierte die Enden mit den Zähnen ab und überbrückte das elektronische Magnetventil der primären Rückflussleitung. Ein kleiner, bläulicher Funke sprang über. Das Magnetventil klackte laut stark.
Nun leitete Marek das extrem hochentzündliche Sauerstoff-Helium-Gemisch nicht mehr in die Kammer, sondern drückte es mit extrem hohem Druck rückwärts über die Wartungsleitungen in das Klimasystem des Schiffes zurück. Er kehrte das Prinzip der Kammer um: Er nutzte die gewaltige Druckdifferenz der Stahlröhre als pneumatische Pumpe.
Oben auf den Gängen des Schiffes begann das Gas unbemerkt zu entweichen. Es stieg durch die Lüftungsschächte auf. Helium ist geruchlos, Sauerstoff in hohen Konzentrationen hochentzündlich und berauschend.
Marek lächelte finster. Er drehte das Hauptventil für den Sauerstoff in den Schiffsfluren auf Maximum. Die Söldner auf den Gängen würden bald an einer Sauerstoffvergiftung und an Hyperoxie leiden – Symptome wie Verwirrung, Sehstörungen, Tunnelblick und Euphorie. Er schuf eine unsichtbare, explosive Hölle außerhalb seiner Zelle, während er selbst das Gasgemisch in der Kammer auf ein mühsam erträgliches Minimum reduzierte. Er war der Meister dieser künstlichen Atmosphäre. Elena glaubte, sie kontrollierte das Schiff. Doch Marek hatte gerade das Nervensystem der *Neptune Sentinel* in seine Gewalt gebracht.
Kapitel 6
Über das interne Intercom-System schaltete Marek die Lautsprecher der Brücke ein. Er drückte die Sprechtaste der Kommunikationseinheit. Seine Stimme schallte durch das gesamte Schiff. Durch den veränderten Gasdruck klang sie tief, verzerrt und bedrohlich, resonant von Metall und Echo.
„Elena“, sagte er. „Erinnerst du dich an Rotterdam? Du hast gesagt, ich sei schwer zu töten. Du hattest recht.“
Auf der Brücke fuhr Elena herum. Die Luft auf dem Schiff fühlte sich merkwürdig leicht an. Einer ihrer Söldner taumelte plötzlich, griff sich an den Kopf und lachte grundlos – das erste Symptom der Sauerstoffberauschung.
„Marek?“, zischte Elena in das Mikrophon. „Du sitzt in einer Stahlkiste. Du bist ein Toter auf Abruf.“
„Sieh dir deine Männer an, Elena“, ertönte Mareks eiskalte Antwort über die Schiffsperiphere. „Du kennst dich mit Logistik aus, aber ich kenne mich mit Physik aus. Die Luft, die deine Jungs gerade atmen, besteht zu vierundvierzig Prozent aus reinem Sauerstoff. Wenn einer deiner Söldner auch nur eine Patrone abfeuert oder ein Feuerzeug anmacht, verwandelt sich das Deck in ein Krematorium. Ihr brennt von innen heraus.“
Panik brach auf der Brücke aus. Der glatzköpfige Söldnerleiter riss entgeistert seine Waffe hoch. „Lügt der Bastard?!“
„Rühr die Waffe nicht an!“, schrie Elena, doch es war zu spät. Der berauschte Söldner hörte nicht mehr auf sie. Die Hyperoxie hatte sein Gehirn vernebelt. Er verdrehte die Augen, glaubte Geister zu sehen und drückte im Wahn den Abzug seiner Maschinenpistole.
Der Funke aus dem Auswurffenster der Waffe reichte aus.
Eine gleißende, orangefarbene Feuerwand schoss durch den Gang vor der Brücke. Das extrem angereicherte Gasgemisch entzündete sich in einer heftigen Verpuffung. Die Schockwelle riss die Holztüren aus den Angeln und schleuderte zwei Söldner brennend über die Decksbeplankung. Schiefe Schüsse krachten, die Sirenen des Schiffs erfassten das Chaos, und das automatische Halon-Löschsystem versagte, weil Marek die Steuerung von unten kurzgeschlossen hatte.
Elena wurde gegen die Instrumententafel geschleudert. Ihr Ledermantel war von Ruß geschwärzt, ihre Sonnenbrille zerbrochen. Sie spuckte Blut auf den Boden, schob sich eine Strähne verschwitzten Haares aus dem Gesicht und blickte auf die brennenden Korridore. Ihre Augen brannten vor Wut und unerfüllter Lust an der Gewalt. Dieser Mann da unten verbrannte ihr Imperium – Stück für Stück.
Kapitel 7
Das Schiff brannte in den oberen Decks, doch der Druckkammerbereich im Unterdeck stand unter dichtem Qualm. Marek wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Der Notstromgenerator des Schiffs fiel aus, und die Temperatur im Wohncontainer begann gefährlich zu sinken. Wenn das System komplett zusammenbrach, fror er bei lebendigem Leibe ein oder das Gasgemisch giftete um.
Er musste ein extremes Wagnis eingehen: eine kontrollierte, explosive Dekompression über die Äußere Schleusenkammer. Es war ein medizinisches Todesurteil für jeden gewöhnlichen Menschen, aber Marek berechnete die Druckdifferenz genau. Er trug noch immer die Unterwäsche des Anzugs und schnallte sich die schwere Titan-Kapsel mit den Mordbeweisen mit einem Sicherheitsgurt fest an den Oberkörper.
Er füllte den kleinen Zwischenraum der Personenschleuse mit extremen Druck, während er den Hauptcontainer versiegelte. Als drei bewaffnete Überlebende von Elenas Truppe die brennende Tür zum Druckraum aufbrachen, um Marek exekutieren zu lassen, wartete er genau den Bruchteil einer Sekunde ab, in dem sie sich vor die Glasscheibe stellten.
Marek riss den manuellen Notablasshebel der Druckschleuse nach unten.
Der Druckunterschied von dreißig Bar entlud sich in einer Millisekunde. Es gab keinen Knall – es war ein Geräusch wie der Schrei eines berstenden Jets. Die Druckwelle schoss wie eine massive unsichtbare Faut aus der Schleusenöffnung heraus. Die drei Söldner wurden durch die gewaltige kinetische Kraft des ausströmenden Gases regelrecht zerschmettert. Ihre Trommelfelle platzten, die Waffenteile flogen wie Splitter durch den Raum, und der gesamte Korridor wurde mit Trümmern übersät.
Marek wurde von der Wucht des Rückstoßes gegen die Hinterwand geschleudert. Der schlagartige Druckabfall ließ seine Ohren bluten, und ein unbeschreiblicher Schmerz schoss durch seine Gelenke, als sich kleinste Stickstoffbläschen in seinem Gewebe bildeten. Er schrie laut auf, ein schrecklicher, tierischer Laut. Seine Sicht wurde rot. Doch sein eiserner Wille hielt ihn bei Bewusstsein.
Er keuchte, spuckte Blut, kletterte über die zerfetzten Überreste der Tür und trat hinaus auf den rauchenden, von Trümmern übersäten Gang des Schiffs. Er war aus der Hölle des Sargs entkommen, gezeichnet, blutend, aber lebendig. In seiner Hand hielt er die schwere Eisenstange einer Notschraube. Er war bereit für den Endkampf.
Kapitel 8
Der Sturm wütete ungehemmt auf dem Hauptdeck der *Neptune Sentinel*. Riesige Wellen schlugen über die Reling und wuschen das Feuer aus den Aufbauten. Das Schiff trieb manövrierunfähig in der dunklen Nordsee.
Marek schleppte sich die Außentreppe hinauf zur Brücke. Jeder Schritt war reine Folter. Das Gas in seinen Knochen fühlte sich an wie flüssiges Glas, das durch seine Adern gepumpt wurde. Seine Haut brannte, seine Lunge schmerzte bei jedem Atemzug.
Oben auf der Brücke wartete Elena. Sie war allein. Die Scheinwerfer eines fernen Rettungshelikopters der Küstenwache schnitten bereits durch die Wolken – angelockt von dem automatischen Notsignal, das Marek vor der Dekompression ausgelöst hatte.
Elena stand im strömenden Regen an der zerbrochenen Scheibe. Die Nässe klebte das schwarze Haar an ihren Hals, das enge Korsett hob und senkte sich schnell. Sie hielt eine kleine, silberne Gravur-Pistole in der Hand. Als sie Marek sah – blutüberströmt, aufgerichtet wie ein Untoter aus der Tiefe – glänzten ihre Augen mit einer verwerflichen Mischung aus Faszination und Haß.
„Du bist wirklich eine Kreatur des Abgrunds, nicht wahr?“, rief sie gegen den Wind an. „Du hättest unten bleiben sollen, Marek. Die Tiefe hätte dich getröstet.“
„Die Tiefe behält nichts, was faul ist, Elena“, heiserte Marek. Seine Stimme war tief, rau und ohne jede Menschlichkeit.
Elena hob die Waffe und zielte genau zwischen seine Augen. „Ich hätte dich damals in Rotterdam töten sollen. Nachdem wir fertig waren. Es wäre gnädiger gewesen.“
Sie drückte ab. Doch der Schlagbolzen klackte nur trocken auf eine versagende Patronenhülse – das Salzwasser und die Gasexplosion hatten die Munition unbrauchbar gemacht.
Bevor sie reagieren konnte, war Marek bei ihr. Er riss sie an den Haaren herum, klinkte ihre Hand ab und drückte sie rückwärts über die zertrümmerte Reling des Schiffes. Für einen kurzen Moment waren sie einander so nah wie vor zwei Jahren in dieser dreckigen Gasse: ihre Körper aneinandergepresst, der Atem heiß, das Blut spürbar. Elena sah ihm tief in die Augen. Sie spürte keine Angst; sie spürte den Rausch des Untergangs. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, zog ihn an sich und küsste ihn brutal auf die blutigen Lippen – ein Todeskuss, schmeckend nach Salz, Eisen und Lippenstift.
„Wir sehen uns in der Hölle, Marek“, flüsterte sie an seinem Ohr.
Marek löste ihren Griff nicht gewaltsam. Er stieß sie nicht weg. Er schnallte mit einer einzigen Bewegung die schwere Titan-Kapsel von seiner Brust ab und hakte den massiven Karabinerhaken der Kapsel in das Lederkorsett an Elenas Taille ein. Die Kapsel wog über vierzig Kilogramm reinstes Titan.
Vor Schreck weiteten sich Elenas Augen.
Marek ließ sie los.
Elena kippte über die Reling ins Leere. Das immense Gewicht des Titanbehälters riss sie mit unwiderstehlicher Kraft hinab in die tobende, schwarze See. Marek lehnte sich über die Kante und sah zu, wie ihr schwarzer Ledermantel im weißen Schaum der Wellen verschwand. Sie sank sofort – hinab in die lichtlose Finsternis von dreihundert Metern Tiefe, dorthin, wo ihre Geheimnisse für immer verankert bleiben würden.
Als die Scheinwerfer der Küstenwache das Deck der schwimmenden Ruine erleuchteten, setzte sich Marek auf die nassen Planken. Er atmete die kalte, salzige Seeluft ein. Das Helium war aus seinen Lungen gewichen. Das Blut in seinen Adern kam zur Ruhe. Die Tiefe schwieg wieder.
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