Kapitel 1
Erstellt mit Tintenkiller
Kapitel 1
Das Wasser roch nach Rost, Verwesung und kaltem Diesel. Es stand knöcheltief in den gewölbten Backsteintunneln unter dem Hamburger Hafen, eine träge, schwarze Suppe, die das Atmen schwer machte. Varek stand vor seinem Operationstisch aus massivem Edelstahl, den er auf vier rostigen T-Trägern über der Flut verankert hatte. Seine Erscheinung glich eher der eines verkommenen Freibeuters als der eines einst gefeierten Gefäßchirurgen: Lederne Bänder, Holzperlen und kleine Knochen splitterten aus seinen verfilzten, dunklen Dreads; ein ausgewaschenes, blutbeflecktes rotes Tuch hielt das Haar aus den Augen. An seinen sehnigen Unterarmen drängten sich verblichene Tätowierungen zwischen frischen Verätzungen aus Desinfektionsmitteln. Sein OP-Kittel war aus abgewetztem Leder, zerschnitten und zusammengenäht wie die Körper, die er auf diesem Tisch neugestaltete.
Hier, im 'Atelier der Makulatur', wusch Varek die Namen der Unterwelt rein. Er schälte die Gesichter gesuchter Auftragskiller ab, pflanzte das Gewebe unbescholtener Unfallopfer auf zerschossene Kiefer und verband Sehnervennähte mit dem Zorn eines Schöpfers, den Gott vergessen hatte.
Ein dumpfes Glucksen drang durch den Schacht. Elena trat aus der Finsternis der überschwemmten Katakomben. Das Licht der nackten Glühbirnen brach sich auf ihren dicken Brillengläsern, die ihr intellektuelles, fast unscheinbares Gesicht maskierten. Sie trug einen maßgeschneiderten, aber vom Schlamm ruinierten Mantel. Hinter ihr schwebte eine tonnenschwere, kryogene Transportkiste auf einem motorisierten Schwimmfloss.
„Du riechst nach Landratte und Verzweiflung, Elena“, sagte Varek, ohne die Skalpelle abzulegen, die er in einer Holzschale mit reinem Alkohol wusch. „Und du hast Ballast dabei.“
Elena trat an den Rand des Tisches, spuckte eine Dosis Nikotin ins brackige Wasser und öffnete den Verschluss des Zinkbehälters. Die Ventile zischten. Ein weißer Nebel aus flüssigem Stickstoff kroch über das Wasser. Darin lag die schneeweiße, makellose Leiche einer jungen Frau – Elenas ebenbildliche Zwillingsschwester, vor drei Tagen durch eine Kugel ins Herz hingerichtet.
„Sie ist mein Freifahrtschein“, sagte Elena mit einer Stimme, die wie trockenes Holz knackte. „Mein Vater hat ihr das gesamte Syndikat vererbt. Sie war das saubere Kind, die Diplomatin. Ich war nur seine kalte Strategin im Hintergrund, die das Blut von den Kacheln wischte. Ich will ihre Haut, Varek. Ich will ihre Stimmbänder, ihr Lächeln, ihre Konturen. Du schneidest mich auf und nähst sie mir über. Morgen schlüpfe ich in ihr Imperium und wickle es ab. Stein für Stein.“
Varek trat nah an sie heran. Seine Finger, rauschgiftzittrig und doch von chirurgischer Präzision, griffen nach Elenas Kinn. Er fuhr mit dem Daumen über ihre Lippen, drückte zudringlich gegen ihre Zähne, zog ihr Brillengestell ab und musterte die Asymmetrie ihres Kiefers. Es lag eine rohe, fast intime Dreistigkeit in seiner Berührung, frei von jeglichem Anstand.
„Sie ist tot, Elena. Das Fleischeiweiß gärt bereits“, murmelte er, während sein Atem kalt gegen ihren Hals schlug. „Dir das Antlitz einer Leiche aufzuzwingen, ist kein Eingriff. Es ist eine Vergewaltigung der Natur. Es wird dich verbrennen.“
Elena winkte nicht ab. Sie schob ihre Hand tief in seinen Lederkittel, spürte das narbige Gewebe seiner Brust und drückte sich mit einer verkommenen, berechnenden Hingabe an ihn. „Dann brenn mich aus, Doktor. Aber mach mich zu ihr.“
Kapitel 2
Die Riemen aus dickem Rindsleder schnitten tief in Elenas Oberschenkel und Handgelenke. Varek verzichtete auf Vollnarkose. Ein Lokalanästhetikum blockierte nur die groben Nervenstränge – er brauchte ihren Muskeltonus, brauchte das unwillkürliche Zucken der Mimik, um die Hautlappen der Toten passgenau über Elenas eigene Gesichtskochen zu spannen.
„Jede Narbe ist ein Schloss, Elena“, flüsterte Varek. Er beugte sich über sie, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Der Geruch von Ether, Nelkenöl und seinem Schweiß hüllte sie ein. „Wenn ich die Haut deiner Schwester verankere, müssen wir die Schmerzarchitektur deines Körpers neu ausrichten. Wenn dein Gehirn die fremde Haut abstößt, verfaulst du lebendigem Leibe.“
Er setzte das Skalpell an der Schnittlinie hinter ihrem linken Ohr an. Das Geräusch, als die Klinge das Bindegewebe trennte, klang wie das Zerreißen feuchter Seide. Elena stöhnte, ein tiefes, gurgelndes Geräusch aus dem Hintergrund ihrer Kehle. Kein Schrei der Scham oder Angst, sondern eine verzehrende, fast erotische Eruption aus Pein und Machtgier. Ihre Zehen krallten sich in das kalte Metall des Tisches, während das Wasser unter ihnen im Rhythmus des Generotors vibrierte.
Varek arbeitete wie ein Obsessiver. Mit gebogenen Nadeln und silbernen Klemmen klappte er die Epidermis der Toten auf. Die Haut war kühl wie Marmor, elastisch und starr zugleich. Mit einer groben Zange legte er den Kehlkopf frei, löste die feinen Stimmlippen der Leiche und begann, sie über Elenas eigene Stimmbänder zu verweben.
Jedes Mal, wenn seine blutigen Finger ihre nackte Brust streiften, entzündete sich zwischen ihnen eine kranke, elektrische Spannung. Elena blickte durch die verbliebenen Augenschlitze zu ihm auf. Ihre Lippen waren mit Silberklammern fixiert, doch ihre Augen brannten vor finsterer Lust.
„Du genießt das, du Drecksack“, presste sie durch die Klammern, ihre Stimme bereits gebrochen, ein verzerrtes Doppeln aus ihrem eigenen Altdiskant und dem sanften Alt ihrer Schwester.
„Ich genieße die Symmetrie, Bitch“, knurrte Varek. Er neigte sich hinab und küsste ihren blutverschmierten Mund, ein roher, metallischer Kuss aus Schmerz, Speichel und Vollblut, der die sterile Atmosphäre der Operation pulverisierte. „Du bist meine groteske Schöpfung. Du wirst wunderschön sein, oder du wirst verrecken.“
Er griff nach dem Knochenbohrer, um die Fixierungspunkte an den Schläfen einzusetzen. Die Vibrationen fuhren direkt in Elenas Gehirnstamm. Das Licht flackerte. Draußen in den Wassertunneln echote das dumpfe Summen von Frachtschiffen, doch in diesem Raum gab es nur das Atmen zweier Raubtiere, gebunden durch Fleisch, Nadel und Faden.
Kapitel 3
Stunden verstrichen im Rhythmus des triefenden Wassers. Varek hatte das Gesicht weitgehend adaptiert; nun wandte er sich dem Rücken zu. Um die Haltung der Zwillingsschwester perfekt zu kopieren, musste er die Dornfortsätze der Lendenwirbelsäule freilegen und die Sehnenansätze der Toten übertragen.
Er zog das breite Skalpell entlang der Wirbelsäule des Leichnams. Das Blut war zu einer dicken, schokoladenfarbenen Masse geronnen. Doch als er das tiefere Gewebe direkt über dem Rückenmark mit der Lupe freipräparierte, hielt er inne.
„Was ist?“, fragte Elena schwach vom Tisch. Die Transformation hatte ihre Haut leichenblass gefärbt, die frischen Nähte glänzten wie schwarze Tausendfüßler auf ihrer Wange.
„Deine liebe Schwester war nicht so unbescholten, wie dein Vater glaubte“, raunte Varek. Seine Stimme verlor jegliche ironische Schärfe; sie wurde eiskalt.
Unter der Lupe offenbarten sich feine, künstlich eingeätzte Mikronarben direkt auf dem Knochengewebe und den harten Häuten des Rückenmarks. Es war keine natürliche Verletzung. Es war eine extrem komplexe, kryptografische Laserätzung – ein physisch eingeätztes Sündenregister.
Varek nahm eine Spüllösung und wusch die Fettschicht ab. Mit einem Vergrößerungsspiegel projizierte er das Licht der OP-Lampe auf den freigelegten Wirbelkanal. Namen, Schweizer Kontonummern, Datumsangaben von Drogenlieferungen aus Ecuador und Protokolle über gezielte Morde an europäischen Hafenpolitikern waren mit chirurgischer Mikrometer-Präzision in den Knochen gebrannt.
„Sie war kein Opfer“, flüsterte Varek und strich mit dem Latexhandschuh über die Gravur. „Sie war der Tresor des Syndikats. Jemand hat ihr Rückenmark als lebenden Datenträger missbraucht. Wenn diese Daten an die Öffentlichkeit kommen, stürzt das gesamte Nordsee-Kartell in einer Stunde ein.“
Elena zuckte auf dem Tisch. Ein Schauer fuhr durch ihre neugestalteten Nerven. „Deshalb wurde sie exekutiert… Nicht weil mein Vater sie liebte, sondern weil sie das Korruptionsnetzwerk des Kontinents im eigenen Fleisch trug.“
Plötzlich fielen die Glühbirnen an der Decke aus. Das leise Summen des Generators erstarb. Nur das rote Notlicht, das mit Batterien gespeist wurde, tauchte den OPsaal in eine blutrote, unheimliche Szenerie. Das Wasser im Catacombentunnel begann rhythmisch zu schlagen – nicht von Frachtern, sondern von den schweren Schritten isolierter Wathosen.
„Sie wissen, dass die Leiche hier ist“, sagte Elena. Ihre neue Stimme zitterte vor Hass. „Die Schlachter kommen.“
Kapitel 4
Die Holztür des Ateliers zersplitterte unter dem Einschlag einer panzerbrechenden Flintenladung. Holzsplitter schossen wie Schrapnell durch den Raum und klatschten ins Wasser.
Varek fackelte nicht lange. Er griff unter den OP-Tisch, zog eine abgesägte Doppellauf-Schrotflinte hervor und feuerte blind in die Nebelwand der Türöffnung. Der Knall war ohrenbetäubend. Die Druckwelle riss den ersten Angreifer – einen hünenhaften Söldner in schwarzer Neoprenmontur mit schlachtmesserbestückter Weste – von den Beinen und warf ihn zurück ins flüssige Dunkel.
Das waren keine gewöhnlichen Gangster. Es waren die 'Ersatzteil-Killer' der St.-Pauli-Löschgruppe – chirurgisch geschulte Vollstrecker, die darauf spezialisiert waren, Zeugen zu zerlegen und Kompromittierendes spurlos in Säurefässern zu entsorgen.
„Elena, steh auf!“, brüllte Varek.
Elena riss an den Lederriemen. Die frischen Nähte an ihrem Kiefer und Rücken spanten schmerzhaft, Blut trat unter den Binden hervor, während sie sich mit einem verfluchten Fluch von der Stahlliege wälzte. Sie griff nach einem schweren Skalpell und einer Knochensäge. Ihre Brille war verschwunden, doch ihre Pupillen waren geweitet von Adrenalin und Schmerz.
Ein zweiter Killer stürmte durch die Flut, die Waffe im Anschlag. Varek wich einem Salvenhagel aus, hechtete hinter ein Blei-Regal für Anästhetika und warf eine Flasche konzentriertes Chloroform. Die Flasche zerschellte am Visier des Angreifers. Bevor dieser reagieren konnte, war Elena hinter ihm.
Mit der unbarmherzigen Roheit einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hatte, trieb sie die Knochensäge seitlich in den Hals des Söldners. Das Gurgeln des Mannes ertrank im Spritzen seines eigenen Blutes, das sich rosa im schwarzen Tunnelwasser verteilte. Sie riss ihm das Sturmgewehr aus den Händen und feuerte das gesamte Magazin in die Nebelwand.
„Der Ausgang durch die alten Sielanlagen!“, schrie Varek, riss die Kiste mit den chirurgischen Instrumenten an sich und packte Elena am Arm.
Ihr Körper fühlte sich fremd an. Das Gewebe ihrer Zwillingsschwester brannte auf ihrem Gesicht wie flüssiges Blei. Doch sie rannten, wateten durch die hüfthohe Flut, während hinter ihnen weitere Granaten die Schmerzarchitektur des Ateliers in Schutt und Asche legten.
Kapitel 5
Sie retteten sich in eine verlassene Pum स्टेशन tief unter dem Holzhafen. Hier oben war es trocken, doch die Luft war heiß und roch nach verharztem Schmieröl und alter Kohle. Ein einziger Scheinwerfer eines abgestellten Reparaturwagens spendete gelbes, matschiges Licht.
Elena brach auf einer korrodierten Stahlplattform zusammen. Ihr Atem kam in keuchenden Stoßgebeten. Ihre Wangen waren geschwollen; das Transplantat begann heiß zu werden. Ein klarer Anzeichen dafür, dass das Immunsystem die fremden Proteine abstoßen wollte.
„Mach dass es aufhört…“, wimmerte sie. Doch ihre Augen funkelten voller Perversion. „Es brennt… als würde sie von innen an meinen Knochen fressen.“
Varek kniete sich über sie. Er riss seinen Lederkittel auf, entblößte seine narbige Brust und zog eine Spritze mit schweren Immunsuppressiva hervor. „Ich muss deinen Körper unterdrücken, Elena. Wenn ich das tue, bist du wehrlos. Dein Verstand wird flackern.“
Er stieß die Nadel direkt in ihre Halsschlagader. Elena keuchte auf, ihre Hände krallten sich in seine Schultern, rissen seinen Hemdkragen auf. Der Rausch des Medikaments, gepaart mit dem Todesadrenalin, entfesselte eine wütende, fiebrige Intimität. Sie riss ihn an sich, drückte ihren neugestalteten, blutenden Mund auf seinen.
Es war ein Akt reinster Zerstörung. Zwischen den kalten Maschinen der Pumpstation, umgeben von Ölspuren und rohem Stahl, gaben sie sich einer wüsten, enthemmten Kopulation hin. Die Narben ihrer Haut rieben an seinen Tattoos; Schmerz und Rausch verschmolzen zu einer dunklen Synästhesie. Varek stöhnte gegen ihren Hals, während er spürte, wie der Puls der Frau unter ihm unruhig, fast spastisch schlug – die Herztöne eines Wesens, das sich zwischen zwei Identitäten auflöste.
Als die Ekstase abebbte, lag Elena mit weit geöffneten Augen da. Das Schmerzmittel knockte ihr Bewusstsein nicht aus, sondern öffnete Schleusen.
„Ich sehe ihre Erinnerungen, Varek“, flüsterte sie mit verstörter, doppeltoniger Stimme. „Ich sehe den Mann, der ihren Rücken aufgeschnitten hat… Es war nicht unser Vater. Es war der Senatspräsident.“
Kapitel 6
Der Morgen graute ungefragt über dem Hafen, doch im Versteck herrschte Dämmerlicht. Elena stand vor einer zerbrochenen Spiegelscherbe, die an einer Rohrschelle klemmte.
Was sie sah, war kein Mensch mehr. Es war ein Prototyp des Grauens. Das Gesicht ihrer Schwester saß verzerrt auf ihren eigenen Knochen. An der Kinnlinie sammelte sich Wundwasser. Doch das Schlimmste war nicht die Physis – es war die Psychologie. Ihre eigene Identität verblasste. Wenn sie die Augen schloss, fühlte sie nicht mehr ihre Hände, sondern die kalten Finger der Toten.
„Ich bin eine Phantomleiche“, flüsterte sie. Sie schlug mit der Faust gegen den Spiegel. Die Scherben fielen ins Öl. „Ich existiere nicht mehr. Elena ist tot, und ihre Schwester ist eine Hülle aus Narben.“
Varek trat von hinten an sie heran. Er hielt eine Ampulle mit Nebennieren-Extrakt und ein frisches Skalpell. „Dein Verstand stößt das Gewebe ab, weil du versuchst, moralisch zu bleiben. Du musst die Leiche akzeptieren. Du musst ihr Erbe fressen.“
„Mein Vater versammelt die Kartellbosse um elf Uhr auf der 'MS St. Pauli'“, sagte sie, während ein nervöses Zucken ihren linken Mundwinkel verzerrte. „Er glaubt, er beerdigt heute meine Schwester und übergibt mir das Geschäft. Er weiß nicht, dass ich das Sündenregister im Kopf habe.“
Varek packte sie bei den Haaren, zog ihren Kopf nach hinten und säuberte die Eiterherde entlang ihrer Schläfennaht mit hochprozentigem Rum. „Wenn wir da raufgehen, gibt es kein Zurück. Die Ersatzteil-Killer arbeiten für den Senatspräsidenten. Sie werden das Schiff stürmen, sobald du das Maul aufmachst.“
Elena lächelte. Es war ein abscheuliches, bildschönes Lächeln, das die frischen Fäden an ihren Lippen spannte. „Perfekt. Dann wird die Phantomleiche das Schiff mit all ihren Aasgeiern versenken.“
Sie griffen nach den schwersten Waffen aus dem Lagerbestand: Varek schnallte sich zwei verchromte Revolver unter seinen abgewetzten Lederrock und packte seine chirurgischen Bestecktaschen ein; Elena hüllte sich in einen schweren Pelzmantel ihres Vaters, der die Wunden und die Maschinenpistole darunter verbarg.
Kapitel 7
Die 'MS St. Pauli', ein umgebauter Luxusliner, lag im dichten Hamburger Elbnebel. Im geschlossenen Salondeck saßen die Zwölf Bosse des Nordsee-Syndikats an einer langen Tafel aus Palisander. An der Spitze saß Elenas Vater – ein vergreister, tyrannischer Patriarch mit diamantbestücktem Gehstock.
Die Türen des Salons flogen auf.
Elena trat ein. Der Pelzmantel glitt von ihren Schultern. Die Männer an der Tafel erstarrten. Ihre Hülle war die der Toten – das Seidengewand, die Frisur, der Gang –, doch ihr Gesicht war ein Alptraum aus frisch verheilten Fleischsektoren und dunklen Hämatomen.
„Guten Abend, meine Herren“, sagte sie. Ihre Stimme schallte durch den Raum, glasklar, aber unheimlich doppelbödig. „Ich bringe Grüße aus dem Grab.“
„Elena…?“, stammelte der Vater, die Hand am Gehstock zitternd. „Du… was hast du getan?!“
„Ich habe das gelesen, was ihr in meine Schwester geritzt habt“, schrie sie und riss das Kleid am Rücken auf. Die tiefen Schnitte entlang ihrer eigenen Wirbelsäule bluteten durch den Stoff. „Ich kenne jeden Politiker, jeden Koks-Frachter, jede Leiche im Becken F!“
Bevor die Wachen reagieren konnten, trat Varek aus dem Schatten des Eingangs. Seine beiden Revolver brüllten simultan. Zwei Leibwächter kippten rückwärts durch die Panoramascheiben der Yachthalle. Glasregen ergoss sich über die VIPs.
Panik brach aus. Das Kartell versuchte seine Waffen zu ziehen, doch Elena war schneller. Mit der Raserei einer Bessesenen bewegte sie sich durch den Raum, feuerte ihre Maschinenpistole in die Menge, während ihr eigener Körper unter der Belastung zu kollabieren begann. Die Nähte an ihrer Wangenpartie rissen auf, Blut tropfte auf das Mahagoni-Parkett.
Plötzlich erbebte das Schiff. Explosivladungen an der Wasserlinie detonierten. Die Ersatzteil-Killer hatten das Schiff erreicht, um die Zeugen endgültig auszulöschen.
Kapitel 8
Das Schiff neigte sich mit bedrohlicher Schlagseite nach Steuerbord. Grünes, eiskaltes Elbwasser drang in den Salondeck-Bereich. Überall lagen Leichen; der Geruch von Brandgasen und Blut füllte die Luft.
Elenas Vater lag sterbend am Boden, getroffen von Vareks letzter Kugel. Elena kniete neben ihm. Ihre Hülle löste sich vollends auf: Die Transplantation war unter der physischen Belastung gescheitert, das fremde Gewebe hing in zerfetzten Lappen von ihren Gesichtsknochen, doch unter der Blutmutter schimmerte ihr eigenes, unbeugsames Antlitz hervor.
„Du hast geglaubt, du kannst uns benutzen… uns zerschneiden…“, flüsterte sie dem Alten ins Ohr. „Jetzt sind wir alle Makulatur.“
Varek packte sie am Arm, zog sie hoch, als die Generatoren der Yacht mit einem gewaltigen Funkenregen explodierten. „Wir müssen über Bord! Das Schiff geht unter!“
Sie hechteten durch die zersplitterten Fensterfronten in die eisige, schwarze Elbe. Der Sturz riss ihnen den Atem aus den Lungen. Das kalte Salzwasser brannte wie Säure in ihren offenen Wunden.
Als sie an den verrosteten Holzpfählen des Speicherstadt-Kais wieder an die Oberfläche tauchten, war die 'MS St. Pauli' nur noch ein brennendes Frack, das langsam in den Fluten versank. Der Senatspräsident und sein Netzwerk waren unheilbar kompromittiert – die Beweise waren mit dem Schiff versunken, doch das Wissen brannte in ihren Köpfen.
Varek zog Elena auf die schlickige Holzrampe eines alten Schuppens. Sie lagen nebeneinander im Nieselregen. Die Dunkelheit der Stadt umhüllte sie wie ein Leichentuch.
Er griff nach seinem Skalpell, schaltete sein Feuerzeug an und brannte die verbliebenen, fremden Gewebereste von ihrem Kiefer ab. Elena schrie nicht mehr. Sie sah ihn an, und in ihren Augen lag eine eiskalte, verkommen-schöne Vertrautheit.
„Wir haben keine Namen mehr, Doktor“, flüsterte sie, während das Regenwasser das Blut von ihren Körpern wusch.
„Namen sind für Anfänger, Elena“, antwortete Varek. Er steckte das Klingenbesteck zurück in den Kittel, reichte ihr die Brille mit einem gesprungenen Glas und blickte hinüber zu den düsteren Katakomben des Hafens. „Mein Atelier hat morgen wieder geöffnet.“
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